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Vilnius

Samstag
24. Juli 1993

 

Bei Regen in die Hauptstadt

Es regnete noch immer. Und als wir keinen, nicht zu entkräftenden Grund fanden, die Fahrt auf Dienstag zu verschieben (montags haben die Galerien geschlossen), krochen wir wieder in unsere Schlafsäcke.

Dann fiel Mischa doch noch ein Motiv ein. Unsere notgedrungene Unbeweglichkeit würde uns nicht gut anstehen und ach seine Verabredung mit Daiva und Geradas würde er nicht wahrnehmen können. Also los. Bis auf Jean-Pierre wollten alle Angemeldeten auch mit­fahren. Es stürmte und regnete ununterbrochen. Günter erreichte die Straße mit dem Bus nur über den Feldweg, da die Auffahrt absolut zur Falle zerweicht war.

Wir erledigten unsere Einkäufe im Regen, begutachteten die sanitären Verhältnisse in einer Kantine und erfuhren, daß man Päckchen ins Ausland nur in der Zentralpost verschicken kann.

Dann fuhren wir tanken, da wir sowieso an der Ecke vorbeikamen. Der Regen steigerte zu einem Guß, als wir krampfhaft versuchten, einen Maulschlüssel für den 100 l-Tank aufzutreiben. Der dafür eigens vorgesehene war für uns nicht zu erreichen, da er unter Mischas Bett herumlungerte. Durch die Vergeßlichkeit des großen Falko standen wir sozusagen doppelt im Regen. Nach einer Stunde hatten wir dann endlich 170 Liter blei­freies Benzin gehortet und begeben uns auf den Weg, unsere Bierbestände zu erneuern. Den Intershop fanden wir erst im zweiten Anlauf, dann aber richtig.

Trotz des Regens entschlossen wir uns, wenigstens für 1½ Stunden mal in die Altstadt zu schnuppern. Die Großen (Mike, Ingo, Wilko, Florian) nahmen Ulrike mit und wir nahmen uns Constantins an. Wir durchstöberten einige Galerien und Kunstgewerbeläden, erstanden Andenken und Mitbringsel in genügenden Mengen, um selbst den Regen zu erstauntem Aufhören zu bewegen. Der plötzlichen Trockenheit ins Gesicht sehend, wurde der Aufenthalt um weitere anderthalb Stunden verlängert. Der Weg zur Post öffnete dann doch wieder die Regenschleusen. Der Kaufrausch war vorüber und wurde vom Päck­chen­abgaberausch abgelöst. Am erstem Schalter bekamen wir zwar Briefmarken, nachdem wir (Wilko) den versteckten Eingang endlich entdeckt hatten, aber hier wurden nur Briefe entgegengenommen. Wir müßten die Halle wechseln bedeutete man uns in freundlichem Litauisch. Willi kapierte als erster, was gemeint war und so erreichten wir den Abgabeschalter, wo der Rausch seinen Höhepunkt erreichen und sich in einer Lachsalve lösen sollte. Zuerst füllte Heidi die ihr kostenlos zur Verfügung gestellten Formulare unter Freudentränen und Danksagungen an ihre Kollegin - ob des Rausches - aus, während die Postbedienstete das Päckchen (10x10x5 cm) mit einer weiteren Schnur (ebenfalls kostenlos) umwickelte und dann einem anderen Kunden schnell noch zwanzig ver­schiedene Briefmarken und Erstagsbriefe verkaufte. Den verflachenden Spannungsbogen griff dann die Pakethallenvorsteherin wieder auf, indem sie Frau Strecks Päckchen mit Siegelmasse und dem Dienstsiegel einbruchsicher verschloß. Das wiederholte Wiegen bestätigte die Gesamtmasse von 74 Gramm. Zwergi versuchte inzwischen sein ganz persönliches Gewicht mittels der vorhandenen Paketwaagen zu bestimmen und alle anderen Anwesenden berauschten sich an der zunehmenden Nervosität der Vorsteherin. Ein letzter Stempel erwies sich als der erste von unter prusten und lachen mitgezählten insgesamt acht Stempelvorgängen, die jeweils durch das Suchen eines freien Fleckens unterbrochen wurden. Wir wünschten ein schönes Wochenende und hofften, nicht mißverstanden worden zu sein. Noch schnell einen Kaffee getrunken, einige Kleinigkeiten und Hähnchen gekauft und nichts wie heim.

Das fehlende Empfangskomitee konnte so nicht unser gepflegtes Einparken begutachten. Im Hause saßen wie in Trance alle Anwesenden im Kreise, bis sie plötzlich erwachten und uns erst garnicht zu bemerken schienen. Das war der Bann des Mörderspiels, in den auch wir nach dem köstlichen Gulasch zu Spirelli geschlagen wurden, bis Morpheus uns zu sich rief.

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