Sizilien - 13. Mai 2006
Berlin - Catania - Marina di Ragusa
Um 03.10 Uhr - in Worten Null Drei Uhr Zehn - riß der Wecker uns rigoros aus dem Reich der Träume. Wir dachten, wir träumten. Aber da der Flieger nicht auf uns warten würde, schauten wir der Realität ins verschlafene Antlitz. Aufstehen war angesagt. Eine Stunde später rollten wir mit Maximilian als Chauffeur vom Hof und nochmal eine Stunde später erfuhren wir, daß die Maschine nicht um 06.05 Uhr sondern erst um 06.45 Uhr starten würde. Volle 40 Minuten hätten wir länger schlafen können, wenn wir das Internet gestern konsultiert hätten. Dafür wäre es dann wohl mit dem Fensterplatz Essig gewesen, weil fast alle Passagiere auf den ursprünglichen Termin fixiert geblieben waren. Die hier und da inexistente Reihe 13 gibt es bei der Air Berlin wirklich und obwohl wir dort die Plätze E und F zugewiesen bekommen hatten, blieb alles ruhig. Das Pärchen auf den Gangplätzen wechselte auch nur auf die einzigen anderen freien Plätze, da unsere Sitzlehnen wegen der hinter uns befindlichen Notausgänge nicht verstellbar waren. Sagten sie. Man konnte schon Platzangst bekommen, wenn der Vordermann die Rückenlehne bequemer einstellte. Das wird noch vorstellbarer, wenn man bedenkt, daß bei anderen Luftfahrtgesellschaften, die denselben Flugzeugtyp nutzen, die Notausgänge sich in den Reihen 11 und 12 befinden. Ansonsten war der Service O.K. Nur die Zeitungen hatten nicht gereicht. Aber da wir eh keinen Platz zum Lesen gehabt hätten, schliefen wir einfach ein wenig.
Anstatt 8.40 Uhr landeten wir immerhin schon um 9.10 Uhr auf dem Catanischen Flugfeld. Ich erlebte das erste Mal, daß ein Flugzeug nach dem Ausrollen auf der Landebahn wendete, um dann zur Parkposition zu gelangen. Das Abholen des Mietwagens bei "Sunny Cars" ging sehr zügig vonstatten, nachdem ich herausgefunden hatte, daß sich der Schalter nicht, wie angegeben, in der Ankunftshalle befindet, sondern rund hundert Meter entfernt hinter einer Wand von Bussen versteckt ist und hier von "Maggiore" vertreten wird.
Mit dem VW Polo TDI düsten wir gen Marina di Ragusa. Zuerst galt es, die sizilianische Fahrweise zu studieren. Kreativ italienisch würde ich sagen. Ob die Fahrbahnen durch ein oder zwei durchgezogene Linien getrennt sind, ist völlig unerheblich. Man könnte eine Menge (50 bis 75%) weißer Farbe sparen, wenn man, entsprechend der praktischen Straßennutzung, alle Linien nur einfach gestrichelt ausführte. Der erstaunlicherweise einzige Unfall, den wir sahen, versperrte ausgerechnet die Zufahrt zur "Villa Sicula" und resultierte typischer Weise aus einer Meinungsverschiedenheit bezüglich der Vorfahrt. Leidtragende war die Achse eines BMW, die offensichtlich zu Bruch gegangen war. Oder war er eigentlich nur zu zügig abgebogen und hatte dann der Bordstein der Achse sozusagen das Genick gebrochen? Vorsorglich war die Feuerwehr dabei, mittels Pulver gefährliche chemische Rückstände des Unfalls zu binden. Wir fuhren erstmal ins Zentrum einen ersten Eindruck auf uns wirken, bevor wir einen zweiten Anlauf machten. Daß uns die Feuerwehr begegnete, ließ uns zuversichtlich für das Auffinden der "Villa Sicula" werden. Unsere Zuversicht wurde nicht enttäuscht. Bettina und Enzo begrüßten uns herzlich, um uns anschließend direkt zu Lucia und Salvatore zu führen.

- Blick von der Terrasse
Die Wohnung erfüllte alle Erwartungen und die Gastgeber sind ebenfalls sehr sympatisch. Beide sprechen sehr gut deutsch, was kein Wunder ist, wenn man weiß, daß Lucia (Salvatore ruft sie Luzie) 18 Jahre inklusive ihrer gesamten Schulzeit in Heidelberg verbracht hat, in Spanien gebürtig ist und eher deutsch als italienisch lernte. Das bog ihr nämlich erst Salvatore bei, der einer der "zwei kleinen Italiener" gewesen sein muß, die in Deutschland ihr Brot verdienten. Wirklich sehr schön, der Blick von der großzügigen Terrasse auf's Meer!
Jetzt hieß es aber ersteinmal, das störende knurren der Mägen zu beenden und einen kleinen kulinarischen Vorrat für das bevorstehende Wochenende zu besorgen. Ersteres taten in dem Selbstbedienungsimbiß "Millevoglie" an der "Piazza Duco degli Abruzzi" (Pollo con Funghi, Fleischbällchen in Tomatensauce, Brot dazu und eine Arancini). Eis und Cappuccino bzw. Espresso rundeten das Mahl ab. Alles in allem waren wir mit 10,- € dabei. Das war O.K. Im neuen Supermercato geriet Heidi gleich ins Schwärmen - "dieses Gemüse, der Käse, der Schinken..." - "Aber Marmelade essen sie hier eher selten." waren die essentiellen Feststellungen angesichts des jeweiligen Angebotes. Einschließlich "Amaro dell' Aetna" und verschiedenen Weinen bezahlten wir 60,- €, um unser Überleben zu sichern. Am Pool erholten wir uns von den Anstrengungen des Tages. Was wir nicht ahnten, die eigentliche Anstrengung, diesmal für unsere Mägen, sollte erst noch kommen. Gegen 20.00 Uhr fuhren wir mit unseren Gastgebern zu einer Agricultura. Wir hatten die Ehre, zu einem Treffen mit Freunden in dem Landgasthof eingeladen worden zu sein.

- Unsere Gastgeber
Wer nicht weiß, daß es in diesem Haus überhaupt etwas zu Essen gibt, fährt selbst hungrig daran vorbei. Das etwa 200 Jahre alte Gemäuer war ehemals das Heim eines gutbetuchten Landbesitzers. In angenehmem Ambiente saßen wir zu dreizehnt an einer Tafel und unterhielten uns angeregt. Lucia und Salvatore übersetzten, so daß wir die ja vorhandene Sprachbarriere kaum wahrnahmen. Die vielen Namen konnten wir uns garnicht merken, aber alle waren sehr nett. Genausowenig konnte ich mir die vielen kulinarischen Gänge merken, die wir sehr genossen. Was waren wir satt! Noch einen Zitronenlikör und/oder Kaffee beendete das Mahl. Auf dem Parkplatz standen wir dann alle noch einen Moment zusammen und tauschten querbeet die letzten wichtigen Gedanken für heute aus, bevor das große Verabschieden begann.

- Die Herren der Schöpfung
Salvatore wählte für die Rückfahrt eine andere Route, denn er wollte uns das nahegelegene Schloß "Donnafugata" noch näher bringen. Alles war vollgeparkt und es waren anscheinend die meisten Einwohner der Umgebung hier. Heidi las am Tor die Öffnungszeiten (9.30-12.30 und 15.00-18.00 außer Mo) und dann fuhren wir am Meer entlang nach Marina di Ragusa, wo die restlichen Einwohner sich ein Stelldichein gaben. Am Kreisverkehr stand die Policia und kontrollierte nach dem üblichen, geheimnisvollen Prinzip Verkehrsteilnehmer. Salvatore fuhr vorsichtshalber schon vorher aus dem Kreisverkehr raus, da er nicht angeschnallt war. Dafür gibt's hier 5 Punkte, was ein Viertel des maximal anzusparenden Betrages ist. Das wäre zu hart gewesen. So kamen wir zur "Piazza Duco degli Abruzzi", die für den Verkehr völlig gesperrt war. Die kreuz und quer abgestellten Autos bzw. deren flanierende Insassen erleichterten das Durchkommen nicht gerade. Hier steppte der sizilianische Bär!
Die Policia stand immer noch an der alten Stelle. Durch den Trubel in der Cita hatte Salvatore allerdings vergessen, den Gurt anzulegen. Zum Glück war er heut nicht dran und konnte uns unbehelligt heimfahren. Wir bedanken uns für den wunderschönen Abend und sinnierten noch, wie wir das erreichte Niveau auch nur annähernd beibehalten könnten. Eigentlich kann es nur schlechter werden, was aber immer noch toll sein wird. Da bin ich mir sicher.
Jost


