Comer See - 21. Juli 1998

- Lecco
Kulinarische Genüsse
Die Annahme, daß die Besichtigung einer Stadt erholsamer als eine Wanderung sei, harrt noch ihrer Bestätigung. Die Anfahrt hält nicht immer so viele Serpentinen bereit, dafür aber ausgiebig Uferstraßenverkehr und Parkplatznot. Für eine allerdings akzeptable Gebühr fanden wir in Menaggio noch ein schattiges Plätzchen. Der so hochgelobte Fischladen hielt den Ansprüchen Heidis nicht stand und so gibt es wieder keinen Fisch aus dem Lario, zumal es keinen weiteren Fischhändler zu geben scheint. Am Hafen beobachteten wir die Autofähre, auf die die Autos rückwärts fahren müssen . Ein paar gelbe Tischtennisbälle, eine Tageszeitung und Obst, das war die eher bescheidene Ausbeute unseres Stadtbummels. Hätte allerdings Heidi das Kleid gepaßt, wer weiß ...? Giselas Eis schmeckte allen sehr gut und versöhnte uns mit dem Örtchen.
Nichtsdestotrotz fanden wir uns am Nachmittag alle wieder am Strand ein. Maximilian ließ seiner schlechten Laune freien Lauf, die in unserem Versuch begründet lag, mal kurz einen Blick auf die Tour de France zu werfen. Welch eine Anmaßung!
Zum Abendessen hatten wir uns diesmal die "Trattoria Posallo" ausgesucht. Die Chefin kocht mit ihren zwei Töchtern, hieß es im Informationsblatt und wir wurden nicht enttäuscht. Die Straße hoch zur Trattoria muß allerdings noch kurz erwähnt werden, da sie bei ungünstigen Witterungsbedingungen am besten mit dem Geländewagen zu befahren ist. Zurück zu Muttern; eine Karte gibt es nicht und so muß man sich mit seinen italienischen Sprachkenntnissen durchschlagen. Pasta Pesto fand Heidis Wohlwollen, Gisela und Ute entschieden sich für Pasta Bolognese, Helmut und ich ließen uns von der Polenta con Carne überraschen. Maximilian hatte sich inzwischen irgendwie ein Fahrrad besorgt und war bei Tisch abwesend. Da Alexander am Verhungern war, mußte Ute einen Teil ihrer Pasta abtreten. Dafür durfte sie dann auch von seinen Nudeln kosten. Helmut und mir erschien die Polentamenge noch angemessen, aber mit dem Kalbsfleisch ging die Segniora sehr sparsam um. So schien es zumindest, bis Renata den Hinweis gab, daß weitere Fleischsorten folgen würden. Nach dem Rind gabs noch Hirsch in jeweils sehr schmackhaften Saucen. Auch Polenta gab's noch nach und zum Abschluß noch Pizzocheri (Buchweizennudeln) - ebenfalls ein Gedicht. Das allgemeine Desinteresse bezüglich eines Desserts verflüchtigte sich bei dem Wort "Tiramisu" augenblicklich. "Ma piccolo!" war die einzige Bedingung. Eine völlig andere Küche als in Robustello aber mindesten genauso gut lautete unser Urteil.
Auf dem Balkon ließen wir den Abend bei Kerzenschein ausklingen.
Jost



