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Mittwoch
21. Mai 2003

 
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Noch ein Wandertag

Die 7.00 Uhr Glockentirade holte uns wie jeden Tag aus dem Reich der Träume. Heute nahmen wir ein besonders kräftigendes Frühstück zu uns - Erdbeeren mit Recotta  - denn die geplante Wanderung sollte vorgemessene 11,2 km lang sein und 700 m Höhenunterschied aufweisen.

Auf der Fahrt nach Cislano durften wir wieder die hiesige kreative Auslegung der Verkehrsregeln studieren. Am Ostufer gibt es reichlich Tunnel und so fuhren wir mit 90 km/h statt der vorgegebenen 70 km/h, ohne vor oder hinter uns jemanden zu haben. Wir schlossen zu einem LKW auf, hinter dem ein Auto der Provinzpolizei fuhr. Daß auch in italienischen Tunneln das Überholverbot gilt soll hier noch einmal erwähnt werden. Die Verkehrsteilnehmer werden auch durch entsprechende Schilder und Fahrbahnmarkierungen darauf hingewiesen. Ich paßte also meine Geschwindigkeit den vor mir Fahrenden an, was langsam aber sicher zu einer Schlangenbildung führte. Dann kam ein Motorrad von hinten angeprescht. „Huch, ein Polizeiauto!” scheint der Motorradfahrer gedacht zu haben. Die Verunsicherung hielt aber nicht allzulange an. Das Schild ist eh nur ein Vorschlag zur Güte und die Straßenmarkierung schien ihm nichts zu sagen. Es war nicht eine durchgehende Linie, es waren nicht zwei durchgehende Linien, sondern es war sogar eine Sperrfläche zwischen den Fahrbahnen aufgetragen, deren Nichtbefahren noch durch Reflektoren in rot und weiß unterstrichen werden sollte. Den Motorradfahrer luden sie zum Slalom ein. Er wollte wenigstens nichts kaputtmachen. Direkt danach überholte auch das Polizeiauto - ein kleiner, alter Fiat. Wir waren immer noch im Tunnel. Ah, Verfolgungsjagd zwar mit ungleichen Mitteln aber immerhin. Bestimmt hat er ja auch Funk im Auto. Denkste! Nächste Abfahrt raus und tschüssikowski. Also mich soll mal hier ein Polizist anhalten, dem werd ich was erzählen, wenn er mich überhaupt versteht.

Ansonsten kamen wir gut in Cislano an. Nur die Straßen von Marone in diese Richtung waren ein Ereignis. Zum Glück ist hier gegen 10.00 Uhr nicht viel los und so fiel auch der Gegenverkehr spärlich aus und es war kein LKW dabei. Den Parco delle Piramidi ließ ich links liegen und versuchte, noch etwas weiter ins Val di Gasso hineinzufahren. Nach zweihundert Metern endete nicht nur die Straßendecke sondern auch der Versuch. Genug Platz zum Parken gab es hier, 600m ü.N.N., aber auf jeden Fall. Um 10.20 Uhr wechselten wir das Schuhwerk, kürzten die Hosen und schnappten uns unseren Proviant bzw. Fotoapparat und Fernglas.

Laut Karte handelte es sich bei unserer Route um einen meist markierten Wanderpfad. Den Einstieg fanden wir auf Anhieb und so einen durchgängig markierten Pfad haben wir in dieser Region noch nicht gesehen. Ganz abgesehen mal davon, daß es nicht viele Varianten gibt, die einem nicht nach 20 Metern klar machen: Kehr doch besser um! Die ersten 300 bis 400 Höhenmeter kamen wir frohen Mutes ausgezeichnet voran. Dann wurde es immer steiler und kräftezehrender. Auch die Trittsicherheit wurde ab und an auf die Probe gestellt, wie auch die Schwindelfreiheit.

Wir passierten den Monte Pura (1007m) nach ca. einer Stunde Wegzeit. Dann ging's weiter hoch zur Punta Val Fellera (1169m). Das folgende Ab- und Aufsteigen zerrte Heidi ganz schön an den Nerven. Wir wurden allerdings durch wirklich phantastische Panoramen belohnt. An einem, zumindest auf unserer Karte unbenannten Gipfel legten wir dann eine Rast ein. Wir stärkten uns mit Käse und Speck zum Brot bei Wasser und Grappa. So stieg auch die Stimmung wieder und wir nahmen den letzten Gipfel in Angriff, obwohl Heidi nicht glauben wollte, daß der Weg dort hinüberführt.

Nach vier Stunden langten wir endlich auf der Punta ta Tisdel, die 1334 Meter genauso hoch ist, wie der Monte Bronzone am anderen Ufer. Heidi fotografierte in alle vier Himmelsrichtungen, denn es war traumhaft schön. Leider klappt es mit mit dem Einfangen dieser Eindrücke eigentlich nie. Dreißig Minuten brauchten wir für den Abstige zum Col di Gasso, der 300 Meter tiefer liegt. Hier legten wir ein Päuschen ein. Als es leicht zu regenen begann, brachen wir so zügig auf, daß ich meinen Wanderstock vergaß. Jedenfalls schlängelten wir uns auf dem Fahrweg wieder auf den Parkplatz hinunter. Alles in allem waren es doch 15 km bei mindestens 800 Höhenmetern geworden, die wir auf abenteuerlichen Pfaden gemeistert hatten. Es hatte auch entsprechend Kraft gekostet.

Die Pyramiden von Cislano sahen wir uns im Vorübergehen an. Das mußte genügen. Was dann nochmal spannend wurde, war die Fahrt hinunter zur Hauptstraße von Marone. Jetzt war fast Berufsverkehr, was bei den engen Gassen zu Verstopfungen führt. Eigentlich haben ja die bergauf fahrenden Fahrzeuge Vorfahrt. Das nutzt ihnen aber nur solange, wie kein LKW von oben kommt, denn der kann einfach nicht zurück oder aber sich in eine der engen Nieschen verdrücken. Und alle anderen hängen sich natürlich dran, denn freier kann die Straße garnicht werden. Wir kamen also ausgezeichnet zu Tale.

Durch die Tunnel kommt man trotz der Laster immer schneller voran als auf der alten Küstenstraße, die zum Teil nicht mal mehr befahrbar ist. Als wir schon im Um­ge­hungs­tunnelsystem von Lovere waren, fuhr hinter uns ein PKW, dessen Fahrer vergessen hatte, die Scheinwerfer einzuschalten. Er fuhr dicht auf und ich begann mir Sorgen zu machen, ob er etwa überholen wollte. Es brauchte nur noch eines zweiten Leichfertigen oder Vergeßlichen auf der Gegenfahrbahn und wir säßen in der ersten Reihe. Na danke! Ich schaltete kurz meine Scheinwerfer aus und wieder an, um dem Spezi ein Zeichen zu geben. Es nutzte alles nichts. Ich war heilfroh, als der Typ in Lovere abbog. Seitdem meide ich die hiesigen Tunnel, wo es geht.

Wieder daheim wurde ersteinmal geduscht, Schweiß und Staub der Berge abgespült. Da fühlt man sich gleich besser. Obwohl die Strapazen nocch immer spürbar blieben, denn die lassen sich nicht einfach abwaschen. Nach ein paar Schreibarbeiten fuhren wir zur Pizzeria Baita, die laut Emanuele am Wochenende ob ihrer guten Küche selbst Bergamescaer anzieht. Die Pizza war wirklich sehr gut, aber es wird wohl auch an der sonstigen Küche und dem Ambiente liegen, wenn sich die Leute knapp 40 Kilometer über die Landstraße quälen, um La Baita zu besuchen.

Anschließend setzten wir uns beim Weine in den Garten. Es war doch empfindlich kühler als die Abende zuvor geworden. Selbst Giulio hatte sich heute eine Strickjacke übergeworfen. Für morgen haben wir ihn zum Abendessen eingeladen. Wie fielen nur noch so in unser Bett.

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