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Mille Miglia

Donnerstag
22. Mai 2003

 
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Oldtimer ohne Ende

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_____Brescia

Nach dem Frühstück starteten wir gegen 9.00 Uhr zu unserem Kennenlernausflug nach Brescia. Der Sebino bildet praktisch die Grenze zwischen Bergamascischer und Brescianer Verwaltung. Wahrscheinlich gibt's hier auch sowas wie links- und rechts­rheinisch. Jedenfalls kennen sich unsere Gastgeber besser auf der westlichen Seite des Sees aus. Unsere Gastgeberin ist in Bergamo geboren und so ist ihre Heimatstadt natürlich viel schöner als Brescia. wWr sind da sicher etwas objektiver, was sich allerdings nur auf reine Äußerlichkeiten und da auch nur auf die selbst gesehenen beziehen kann.

Also mir persönlich gefällt Brecisa Altstadt besser als die Bergamos. Andererseits haben wir, nachdem wir das Auto in einem Parkhaus abgestellt und uns in Richtung Citta begeben hatten, nicht die Möglichkeit gehabt, die Plätze und Gassen in Ruhe in Augenschein zu nehmen. Wir waren mitten in die Startvorbereitungen für die „Mille Miglia” geraten.

Oldtimer aller Klasse, von Rennwagen über Luxuskarossen vergangener Generationen bis hin zu Kuriositäten, werden die Strecke von Brecia über Ferrara nach Rom und zurück, zu meistern versuchen (1000 Meilen). Auf einem Auto waren die Teilnahmen vermerkt: 1950, 2002, 2003. Es waren also sämtliche Plätze voll mit den Lieblingsspielzeugen Wohl­be­tuchter und deren Fans, die vor lauter Filmerei und Fotografieren gar nicht wieder wurden.

Irgendwie war das auch ein bischen ansteckend. Einen Teilnehmer fragten wir nach dem Namen der Veranstaltung, denn bis dahin war uns nur aufgegangen, daß es sich um ein Oldtimerrennen handeln mußte. Über meine Bemerkung, daß es sich wohl eher um eine gemütliche Showveranstaltung handele, zeigte er sich eher verwundert als erbost. „Nein, natürlich nicht. Da geht's voll zur Sache!” war seine Antwort, die seine attraktive Partnerin mit einem Augenzwinkern relativierte.

Das war auf der Piazza della Loggia. Auf der Piazza della Loggia, das ist die mit der alten Uhr, fragte Heidi mich, warum denn außen an dem Mobil blanke Drähte entlangführten. Noch bevor ich meine unsachverständigen Vermutungen äußern konnte, kam mir ein Insider zuvor. „Das sind die Schraubensicherungen. Der Wagen ist ungefedert und das rüttelt wie Hölle. So können sie sich nicht lösen.” Er hatte sich dieses Jahr auch einen digitalen Fotoapparat zugelegt, denn das mit dem Filmen war ihm letztes Jahr zu teuer geworden. Und morgen fahre er zu irgendeinem Paß - er hat natürlich den Namen genannt - wo die Autos alle einzeln ankämen und so die besten Motive abgäben. „Na dann viel Spaß!”

Auf der Piazza della Vittoria war die technische Abnahme im Gange und der restliche Platz war von den Sponsoren zu einem hübschen Zeltlager umgebaut worden. Aber irgendwie gab's keine Schnäppchen zu machen. Heidi wurde angesichts des Auflaufs langsam unruhig, ganz im Gegensatz zu den Politessen und Polizisten, deren stoische Gelassenheit beeindruckte. Zum Glück befanden wir uns in der Fußgängerzone und so gelang es uns, dem Trubel den Rücken zu kehren.

In einer alten, traditionell ausgestatteten Paneria kauften wir drei Sorten Brot und probierten von dem köstlichen Schinken. An der Piazza Paolo VI.? fanden wir eine ruhige Bar, vor der wir uns jeder ein Glas Wein kredenzen ließen. Die dazu gereichten eingelegten Zwiebeln, Oliven und Chips beruhigten die Mägen für's erste. Und noch zwei Capuccini zum Abschluß.

Die Automobilverrückten waren immer noch am Werke. Eine Isetta sahen wir noch und auf der Piazza di Mercato erstanden wir eine Melone, zwei Möhren und eine Birne, die ich am Brunnen abwusch und gleich verzehrte. Schwups waren wir wieder mitten im Trubel. Ein letztes Mal gingen wir an den Porsches, Jaguars, Alfa Romeos und an den aussterbenden Marken vorbei. Heidi führte sich ein Stück Pizza zu Gemüte und ich entschied mich für ein Eis. Die neue Sonnenbrille steht Heidi ausgezeichnet.

Auf dem Weg zum Parkhaus zwängten wir uns schließlich an einem gelben Lamborghini vorbei. Die 5,20€ für fünf Stunden parken waren schon mal günstiger als in Bergamo. Wir fädelten uns wieder in den Verkehr ein. Richtung Iseosee war es ein Kinderspiel, allerdings nur so lange, bis es zum Wettbewerb im Schnellesen kam. Selbst bei vorschriftsmäßig g efahren und 50 km/h ist es auch bei keinerlei sonstigem Verkehr nur sehr schwer möglich, acht untereinander stehende Ortsbezeichnung auf Stimmigkeit zu überprüfen. Prompt lan­de­ten wir in einem Wohngebiet, wurstelten uns wieder heraus und nahmen das Angebot, doch über Gardone zu fahren, dankend an.

Von Ponte Zanano (einem Ortsteil von Gardona?) geht eine für Wohnwagen gesperrte Straße hinüber nach Iseo. Landschaftlich schön sollte sie auch noch sein. Was wollten wir mehr? Ich arbeitete bis dahin weiter im Kurs „Kreatives Fahren”. Die Schnellstraße nach Norden hat zwar die Breite für zwei Spuren, diese sind aber nicht markiert und meine Erfahrung im Spurfahren auf Kreta war hier durch aus hilfreich. Die Straße hinüber nach Iseo hielt dann alles, was die Karte versprochen hatte. Die Anstiege waren über­durch­schnittlich stark und die Kurven beziehungsweise Tornanti entsprechend schwierig. No Problemo. Als wir über den Paß vom Valle di Gambio ins Valle Gaina kamen, bot sich ein wunderschöner Anblick hinunter auf den See und den Nationalpark mit seinen Sümpfen. Diesen Moment nutzte der Mercedesfahrer, der die ganze Zeit hinter uns geblieben war, zum Überholen aus.

Wir hielten an, um auf dem letzten Bild des Filmes diesen Anblick zu konservieren. Am Westufer des Sees entlang gelangten wir wieder nach Lovere und von dort nach Solto Colina. Inzwischen war 16.30 Uhr geworden. Ich widmete mich meinen Aufzeichnungen und Heidi las ihr Buch zuende, bevor sie mit der Zubereitung des Abendmahls begann. Julio sollte ja heute unser Gast sein. Er kam pünktlich von seiner Trinkkur zurück, mußte aber erst noch gießen, bevor er mit der obligatorischen Flasche Wein zu uns stieß. Den Salat nahmen wir dankbar für den nächsten Tag in Empfang. Ossobucco, ein italienisches Gericht, wurde gereicht. Es schmeckte uns allen dreien sehr gut, obwohl es normalerweise mit Kalbsfleisch und nicht mit Pute angerichtet wird. Das Essen war sehr gut gelungen und es wurde alles alle.

Danach saßen wir schwatzen zusammen und Julio meinte, für den Winter würde er sich auch solch ein Wörterbuch kaufen, um deutsch zu lernen. Dann kamen Emanuele und seine Frau. Es wurden weitere Stühle an den Tisch gerückt und das Gespräch nging locker weiter. Emanueles Frau scheint Lehrerin zu sein und muß auch Samstag arbeiten, weshalb uns Julio wohl die Kaution zurückgeben wird. Dann musste sie heim zum Bügeln. Alle anderen saßen noch bis halbelf, eine halbe Stunde über Julios Limit hinaus, beieinander und waren sich einig, daß Berlosconi eigentlich hinter Schloß und Riegel gehört. Es war ein sehr schöner Abend, zu dessen Abschluß wir die trotz der Kühle wie wild herumtanzenden Glühwürmchen beobachteten.

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