Lombardei - 24. Mai 2003

- ________Capriolo
Agricola Ricci Curbastro
Wir hatten angekündigt, gegen 9.33 Uhr das Anwesen zu verlassen, es wurde aber 9.48 Uhr. Der frisch gepreßte Blut Orangensaft war köstlich. Nach dem Frühstück folgte das typische Abreiseprocedere, die letzten Kleinigkeiten einpacken, alle Gepäckstücke schließen, sämtliche Schränke und Schubladen auf Vergessenes prüfen und dann alles zum Auto schaffen. Wir kamen ja immer noch nicht durchs Tor. Guliano half uns dabei und staunte nur, wie die Koffer, Taschen und Rucksäcke im Astra verschwanden. Wir wurden bergamascisch mit drei Küßchen auf die Wange verabschiedet. Emanuele war ja schon an seinem Schalter. Also verließen wir den geistlichen Ort in Richtung Süden.
In Capriolo war glücklicherweise das Tor zum Gut geöffnet und so brauchten wir nicht zu klingeln. Im Büro herrschte ein gewisser Andrang. Ein Kunde lud mehrere Kisten Wein in seinen Wagen und ein junges Pärchen trug sich gerade ins Meldebuch ein. Der Chef hatte also alle Hände voll zu tun. Heidi dagegen langweilte sich im Auto. Nur daß ich ihren Ausweis brauchte, riß sie kurz aus ihrer Leethargie. Der Witz war allerdings, daß das Meldebuch jetzt voll und kein neues vorrätig war. „Ja, es müssen beide Gäste genau eingetragen werden, das ist so in Italien.” hatte der Herr des Hauses verkündet. „Kommen Sie doch bitte heute Nachmittag oder morgen noch einmal herüber, dann erledigen wir das.” Er erklärte mir noch, welcher Schlüssel zu welchem Schloß paßte und dann bezogen wir unser neues Domizil.
Es war wirklich ganz nett, nur daß zu keinem Topf ein Deckel paßte, brachte Heidi leicht in Rage. Da Heidi im Reiseführer den Hinweis gefunden hatte, in Iseo sei samstags immer Markt und der am Dienstag uns ganz gut gefallen hatte, fuhren wir erst einmal hinüber. Am Bahnhof, diesmal auf der dem Ort zu gewandten Seite fanden wir sogar einen kostenfreien Parkplatz. Alles tutti. Nur daß kein Markt war. Es war schon möglich, daß zweimal die Woche Markt abgehalten wird, aber üblich wohl eher nicht. Wir stöberten bis Mittag in den Geschäften herum, fanden aber nichts, womit wir unser Gepäck hätten erweitern wollen. Der italiengemäße Mittagssnack bestand für Heidi aus einem formidablen Stück aufgewärmter Pizza und ich hielt mich an Kuchen. Den Flüssigkeitshaushalt füllten wir in einer Bar im Hafen auf. Zum Wein gab es Oliven, Chips, kleine Stückchen Omelette und Sticks, die ziemlich scharf waren. Wir beobachteten die an und ablegen den Dampfer und auch den Sonny Boy mit seiner Maid auf dem Motorflitzer.
Und die Toilette ist erwähnenswert. Es gab zwar nur eine, die aber dafür überaus geräumig war. Die Wände sind in grauem Naturstein ausgeführt. Nach oben hin wird er allerdings unauffällig durch graue, stark spiegelnder Fliesen ersetzt, die auch die Decke zieren. Die Garderobenhaken aus Edelstahl paßten hervorragend. Die moderne Tür enthielt milchglasene Einlassungen, die durch die violette Beleuchtung von innen, außen violett und innen weiß aussahen. Genau umgekehrt verhielt es sich mit dem metallischen Skelett, das innen violett reflektierte und außen natürlich metallisch blieb. Warum in Dreiteufelsnamen stellen sie dann nicht auch ein ordentliches Klosettbecken dazu, sondern belassen es bei diesen unbequemen, sicher hygienischen, den Schuhen jedoch nicht unbedingt zuträglichen Universalsteh- und Hockschalen? Aber ein Bidet hinhängen! Gibt's vielleicht eine neue EU-Norm, die in Deutschland nur noch nicht umgesetzt wurde?
Ein wenig erleichtert promenierten wir am See in Richtung Naturschutzpark entlang, so nahmen wir zumindest an. Leider wird die Promenade ständig von irgendwelchen eigenbrötlerischen Anliegern und/oder Baumaßnahmen beziehungsweise dem Wirtschaftshafen unterbrochen. Wir landeten an einem riesigen Zeltplatz, aber nicht an unserem Ziel, das wir beharrlich weiter verfolgten. Wie kamen einer noblen Osteria vorbei, wo man schon für 38€ pro Person ein Menü bekommen konnte. Wieder an der Hauptstraße wollten wir s chon umkehren, als wir einen Fußweg fanden, der sich dann als Wanderweg durch das Sumpfgebiet entpuppte. Alle naselang waren Warnschilder aufgestellt, die auf Pfade durch den Schilfgürtel hinwiesen. Wenn man sich leise an die dazugehörige, durch Holzpaletten gebildete Aussichtsplattform herangeschlichen hatte, konnte man hier und da ein paar Enten mit ihren Jungen beobachten. Immerhin. Auf einer Strecke von maximal zwei Kilometern war etwa alle hundert Meter so ein voyeuristischer Punkt installiert. Wir trafen weder auf dem Hin- noch auf dem Rückweg weitere Interessenten. Der verwahrloste Umkehrpunkt war ein weiteres Zeugnis für eine schlecht angenommene, gute Idee. Nur ein paar Zehnjährige freuten sich, daß sie beim Schwarzaqngeln keine nassen Füße mehr bekommen. Wir besichtigten noch den zentralen Aussichtspunkt, beobachteten vor allem die riesigen Libellen mit Interesse, verkniffen uns aber einen weiteren Rundgang.
Wieder am Zeltplatz vorbei gelangten wir auf dem selben Wege ins Zentrum zurück. Allerdings macht das Wandern bekanntlich durstig. In einer kleinen Bar wurde mit Zitronenlimo beziehungsweise Bier gelöscht. Wir hatten noch zwanzig Minuten Zeit, bis der kleine Supermarkt öffnen würde, und so gingen wir in Richtung Burg. Die gibt es, außer in den Straßennamen gar nicht mehr und in der Kirche schien gerade Gottesdienst zu sein. Auf dem Weg zum Zeitungsladen kamen wir noch an einem Boccia-Wettkampfplatz vorbei. Plötzlich roch es ausgesprochen verführerisch. Im „Gallo Rosso” wurde schon für den Abend vorgekocht. Ich kaufte mir „Die Zeit”, denn der Leiteartikel von Helmut Schmidt, was sich in Deutschland zu ändern hätte, war mir vorhin Schon ins Auge gestochen. Endlich war auch der Kaufmannsladen offen. Leider gab's kein Gehacktes und wir mußten im Capriolo noch einen zweiten Versuch starten, der dann auch gelangen.
Ein neues Meldebuch war immer noch nicht eingetroffen und so schrieb le Signore die benötigten Informationen einfach auf ein Blatt weißen Papiers. Ja, Hauswein hätten sie auch und morgen sei bei allen Weinhöfen in Franciacorta Tag der offenen Tür. Bei der Vorbereitung wollten wir nicht weiter stören und begaben uns in unser Quartier. Die Riesenpaprikaschote und die Aubergine wollten ja noch gefüllt und ins Rohr geschoben werden. Beides erwies sich als schwierig. Die Paprika Schote paßte in keinen Topf. Daraufhin wurde von Heidi ein sogenannter Paprika-Auberginen-Gehacktes-Auflauf kreiert und in den Ofen verbracht. Dort sollte das Ganze bei 160 °C zu voller Reife gelangen. Wir putzten inzwischen die Gartenmöbel und machten es uns schreibend beziehungsweise lesend gemütlich. Als knurrende Geräusche an den Eintopf erinnerten, stellte sich heraus, daß auch dort alles recht gemütlich vor sich ging. Erst als ich auf volle Kraft voraus schaltete, kam es zu einem erfolgreichen Garprozess. Alles schmeckte vorzüglich auch noch um 21.45 Uhr. Und wenn der Magen endlich voll zu tun hat macht sich Zufriedenheit breit. „Wo ist meine Handtasche?” Dieser Ausruf machte die Nacht zum Tage.



