Madeira - 21. Mai 2008
Von Caniçal nach Porto da Cruz
Wir hatten den Wecker auf 7.00 Uhr gestellt, was für den Pico Ruivo eigentlich schon zu spät war. Blieb also die Küstenwanderung. Zum Frühstück gab's nur einen Kaffee und ein paar Waffeln. Fünf Minuten nach 8.00 Uhr starteten wir. In Porto da Cruz kamen wir trotz des Berufsverkehrs schon 45 Minuten später an. Vom eigentlich gewünschten, frisch gepreßten Orangensaft mußten wir mangels Orangen auf Cappuccino umsteigen, der echt Klasse war. Als richtiges Frühstück bestellten wir Thunbrötchen mit Mayonaise (7,- €). Jetzt könnten wir starten. Ja, die Taxinummer habe sie nicht, aber an der Kirche stünden auf jeden Fall genug Taxis herum, meinte die Bedienung. Wir versicherten uns beim Taxifahrer, ob er mit 18,- € für die Fahrt zum Tunnel von Caniçal einverstanden wäre. Und so wurden wir handelseinig.

- Ein Gärtchen am Hang
Um 9.45 Uhr konnten wir unsere Wanderung der faszinierenden Ausblicke starten. Die Sonne schien, daß es eine Lust war. Gleich am Anfang überholten wir eine Levadawandergruppe botanikinteressierter Franzosen. Soll heißen, das Schuhwerk ließ auf Horizontalgeher und die ständigen Unterbrechungen zum Zwecke der Einweisung in die madeirische Pflanzenwelt auf Langsamgeher schließen. Gut, daß wir vorbei waren. Wir passierten Mochico, trafen den einen oder anderen Levadaarbeiter mit Sichel. Ein Bauer, der einen offensichtlich schweren Sack auf dem Rücken bugsierte, schien seine Ernte zu Markte zu tragen, während seine Frau weiter die Terrassen bearbeitete. Als wir fast am Ende des Tales der Ribeira Secca angelangt waren, zweigte rechts unser Wanderweg von der Levada ab.

- Der geschundene Wald
Und leider nahmen die Wolken immer mehr zu. Sie waberten über die Bergkette. Der im Reiseführer versprochene Kiefernwald war inzwischen durch Feuer und Wind bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden. Es war richtig unheimlich, diesen geschundenen Wald im Nebel zu durchqueren. Daß wir an der Bocca da Risco angekommen waren, merkten wir nur daran, daß es nicht mehr bergauf ging. Außer dem Weg war rein garnichts zu sehen. Die Meeresnähe konnten wir nur aus dem spezifischen Rauschen schließen. Weder das schreiende Inselchen (Ilhéu do Guincho) geschweige denn Porto Santo waren auszumachen. Dafür hatte das Schwindelgefühl keinerlei Chance, um sich zu greifen, was auch etwas Wert sein kann. Wir überholten erneut eine französische, geführte Wandergruppe - zwar Langsam- aber keine Levadaläufer - und konzentrierten uns voll auf den Weg. Mehr war immer noch nicht zu sehen. Heute war der Weg das Ziel. Ein entgegenkommendes französisches Paar grüßte ganz lieb und die tschechische Truppe, die den Rastplatzan der gelben Spitze (Espigão Amarelo) belegt hatte, freute sich über mein "Ahoi!".

- Heidi ist noch auf dem Weg, ...

- ... der hier und da gesichert ist
Es war etwas heller aber nicht durchsichtiger geworden. An einem besonders rutschigen Abschnitt, als wir alle ausgesetzten Stellen schon passiert hatten (Stahlseil), trafen wir eine deutsche Familie, die ihre Wanderschuhe im Hotel gelassen hatte. Na dann bitte ganz vorsichtig! Irgendwann, bequem auf einem Baumstamm sitzend, verdrückten wir unser Wanderbrot.

- Ein kurzer Blick hinunter
Und siehe da, als ich Heidi neckend fragte, ob sie das Fernglas haben wolle, riß es auf und Porto da Cruz lag unter uns. Wir waren nicht vom Wege abgekommen. Also verirren kann man sich bis hierhin nicht. Der Wanderweg wurde zur Schotterpiste. Hier liegen die letzten der supersteilen Terrassenfelder und können sogar mit einem Kfz erreicht werden. Die Schotterpiste entwickelte sich nun zu einer Betonstraße, an der eine neue Seilbahn mit unverglaster Gondel ihren Anfangspunkt hat und die Straße mit einer bewirtschafteten Bucht tief unten verbindet. Wo dann die Betonstraße von einer asphaltierten abgelöst wird, stehen die Autos der Touristen. Larano heißt das Dorf. Wir liefen witer die Straße hinab, als ein Auto neben uns hielt und der Fahrer uns anerbot, uns mit ins Tal zu nehmen. Auch wenn wir so nur auf schlappe 13 km Wegstrecke kamen, waren wir doch dankbar, denn das Begehen von Asphaltstraßen ist nicht wirklich des Wanderers Liebstes, geschweige denn bergab. Und siehe da es war der Vater mit den Turnschuhen, der sich gesagt hatte, mit den Galoschen tue ich mir die Tour nicht an. Es genüge, nachher die Damen abzuholen. Ein Glück für uns. Netterweise chauffierte er uns bis zu unserem Auto und erzählte währenddessen, daß ihre 14 Tage Urlaub jetzt am Freitag um seien und die Tochter schon morgen zuückfliege. aber ansonsten gefalle ihm Madeira so gut, daß ein weiterer Urlaub denkbar wäre. In Porto da Cruz tauschten wir noch Wandertips aus. Ich denke, wir hätten eine gute Wandercrew werden können. Das ist eigentlich noch eine "Marktlücke", engagierte Individualtouristen zu Zweckgemeinschaften zusammen zu bringen. Wir waren mehr oder weniger auf Rundtouren angewiesen, was an sich nicht schlecht ist. Andererseits eröffnen zwei Autos völlig neue Möglichkeiten. Die Unabhängigkeit bliebe erhalten. Tscha. So weit, so gut. Wir hatten jedenfalls keine Visitenkarten dabei und so blieb es bei einer sehr netten, kurzen Wanderbekanntschaft.
In Porto tranken wir, diesmal am Meer, ein Bier und aßen ein Knoblauchbrot, bevor wir zum Auto zurückkehrten. Wie wär's mit einer Erfrischung der körperlichen Art? Hatte der Kölner Familienvater vorhin nicht das Bad in Porto Moniz hoch gelobt? Hier hielt uns nichts mehr. Fahren wir gleich an der Nordküste entlang, was zwar wesentlich kürzer ist, nicht aber wesentlich schneller als es über Funchal und Ribeira Brava geht. Abenteuerlicher ist die Strecke allemal. Diesmal hatten wir vor der absoluten Klemmstelle allerdings das Glück, einem Betonmischer folgen zu dürfen. Der würde den Weg schon frei machen.

- Das Bad in Porto Moniz
In Porto Moniz stellten wir das Auto auf einer unausgebauten, gut beparkten Freifläche ab, nachdem wir die Gebührenparkplätze verworfen hatten. So läuft man auch nur 200 Meter bis zum Bad. Dort bezahlten wir um 16.15 Uhr 1,- € pro Nase Eintritt. Auf der Preistafel stand zwar 1,25 €, aber das galt zu so später Stunde hald nicht mehr. Das Bad ist völlig in die Natur integriert. Meerwasser schwappt manchmal in die Becken und wird sowieso ständig nachgepumpt. Es gibt bei dem minimalen Seegang zwar keine Wellen in den Becken, aber darüber ist niemand böse. Wir nutzten die gepflegten Umkleidekabinen und schlossen unsere Sachen in einen dieser typischen Bäderschränke ein. Der eine Euro bleibt hier in jedem Falle in der Kasse des Bades - kein Problem. Ich band den Schlüssel um mein Handgelenk und dann stürzten wir uns in die Fluten. Wir schwammen zwischen den Felsen, kühlten uns in dem schon etwas wärmeren Wasser des Beckens ab und fühlten uns pudelwohl. Als wir 17.10 Uhr das Bad wieder verließen, war die Kasse geschlossen, alle Tore geöffnet und demzufolge der Eintritt frei. Achso, ich weiß nicht, ob der Rettungsschwimmer auch um 17.00 Uhr Feierabend gemacht hat.
Bis zum Supermercado in Ribeira Brava brauchten wir eine halbe Stunde. Es galt, für das Abendessen einzukaufen. Trotz der vielen Fischsorten, sogar eine Muräne war im Angebot, bestand Heidi auf Sardinen. Die wurden zu Heidis Begeisterung geschuppt und ausgenommen übergeben. Das Kilogramm Sardinen setzte sich aus achtzehn Einzelstücken zusammen. Es waren keine Riesen. Das ist dem Geschmack normal nur zuträglich. Diesmal konnte aber nicht vorhergesehen werden, daß Sardinen, die nicht mehr als 113 Gramm wiegen, zu dünnhäutig sind, um sich von ihrer Haut zu trennen. Das tolle Meersalz war aber genau dort schon fest verankert. Wir bissen uns durch und machten das Kilo bis auf zwei tragische Einzelschicksale nieder. Mann macht Fisch durstig!
Um 21.00 Uhr schaltete ich den Fernseher ein, in der Hoffnung, diese allgemeine Nachrichtenzeit träfe auch für unseren Sender zu. Heute nicht. das Championsleague-Finale zwischen Manu und Chelsea wurde übertragen. Die Qualität des Empfangs ist unter aller Kanone und hätte gerade für den Wetterbericht gereicht. So mußte ich nochmal runter ins Restaurante. Es ging immerhin schon auf die sechzigste Minute und der Spielstand von 1:1 ließ alle Möglichkeiten offen. Heidi war froh, ihren Kummer ob der versalzenen Sardinen allein ausleben zu dürfen und so begab ich mich küstenwärts.
Ein gutes Plätzchen war schnell gefunden und dieses Spiel auf höchstem Niveau, was vor allem die Haken und Ösen betraf, fesselte sofort. Pfosten und Latte retteten hier, Terry auf der Linie dort. Letztlich blieb es auch nach der Verlängerung beim 1:1 und das Finale mußte im Elfmeterschießen entschieden werden. Ronaldo vertändelte seinen Elfmeter leichtsinnig und Terry rutschte beim entscheidenden fünften Schuß aus und vergab. Weiter ging's bis Anelka irgendwann uninspiriert verschoß. Manchester United im Glück! Die beiden Holländer, mit denen ich am Tisch gesessen hatte, verabschiedeten sich und ich ging auch hinauf. Sie haben ein Haus in Ponta do Pargo, das man für 250,- € die Woche mieten kann (800,- € im Monat). Sie hatte interessiert, wie wir auf unsere Unterkunft gestoßen waren.
Auf der Terrasse mixte mir Heidi einen Absacker aus Zuckerrohrbrand, Zitrone und Honig, der seinen Wirkung tat. Also ab in die Falle. Was rauscht denn da? Der Wasserfall oder das Meer?



